Es war einmal ein armes Bauernmädchen. Das lebte mit seiner Schwester auf einem kleinen Bauernhof in der Nähe der Hauptstadt: Es war eine prachtvolle und große Stadt mit vielen reichen Leuten, und selbst der König und die Königin lebten in einem pompösen Schloss. Die Mädchen aber lebten in größter Armut, da sie vor vielen Jahren ihre Mutter und ihren Vater verloren hatten, und das jüngere Mädchen musste alle Arbeit verrichten, da ihre große Schwester zu faul war.
Eines Tages aber kam der junge Prinz in seiner goldenen Kutsche vorbeigefahren. Rosenlieschen, die Jüngere, stand neben dem Brunnen und schöpfte verzweifelt Wasser. Die Arbeit war ihr viel zu schwer, und als der Prinz dies beim Vorbeifahren sah, ließ er den Befehl erteilen, stehen zu bleiben.
Er stieg aus der Kutsche und betrat den ärmlichen Bauernhof. Sofort hielt er auf das Mädchen am Brunnen zu.
"Darf ich dir helfen? Das ist doch zu schwer für dich."
"Oh, Prinz, wenn ihr wünscht.", sagte Rosenlieschen leise und machte einen Knicks.
"Du bist wunderschön, wie heißt du?"
"Ihr solltet zu euer Kutsche gehen und eurer eigentlichen Tätigkeit nachkommen.", lenkte Rosenlieschen ab.
"Hast du keinen Namen?"
"Gewiss, aber euer Majestät interessiert sich doch nicht für ein amres, dummes Bauernmädchen."
"Und wenn doch?"
Rosenlieschen wurde ganz rot im Gesicht. Da pflückte der Prinz eine Rose von dem Strauch und gab ihr diese.
"Ich hoffe unsere Wege werden sich noch viele Male kreuzen."
Mit diesen Worten ging der Prinz zurück zu seiner Kutsche und fuhr weg. Faullieschen, die große und faule Schwester, hatte das Kommen und das Gehen des Prinzen gesehen und wurde grün vor Neid.
Tage und Wochen vergingen, und der Prinz kam jedes Mal wieder und wieder. Jedes Mal brachte er Rosenlieschen eine Rose mit.
Nachdem der Prinz wieder gegangen war, ging Rosenlieschen in das Haus um ein Mittagessen zu kochen.
"Wer ist denn dein Besucher?", fragte Faullieschen unfreundlich.
"Mein Geliebter, er heißt Richard und ist..."
"Ein Prinz! Du hingegen bist ein dummer Bauerntölpel! Du bist es nicht wert, von einem Prinzen besucht zu werden!"
"Faullieschen, ich liebe ihn. Und er liebt mich auch."
"Ja, das ist es wohl, du bist blind vor Liebe. Er will sich nur lustig machen über dich. Sieh dich doch an. Ein Bauernmädchen in Fetzen gekleidet und ein wunderschöner Prinz. Er liebt dich nicht, er will nur dein kleines, unschuldiges Herz zerstören.", erklärte Faullieschen.
"Glaubst du...? Nein, niemals, er liebt mich."
An diesem Abend legte sich Rosenlieschen traurig und zugleich fröhlich zu Bett: Traurig, weil ihr Zweifel an seiner Liebe aufkamen und fröhlich, weil sie ihn liebte.
Am nächsten Tag kam der Prinz wieder. Diesmal in einer besonders schönen Kutsche. Und statt zwei Pferden waren vier Pferde eingespannt. Der Prinz hatte einen wunderschönen langen, roten Mantel um, und sein Haupt zierte eine kleine Krone. Er kniete sich vor Rosenlieschen und hielt ihr eine weiße Rose entgegen.
"Liebstes Rosenlieschen, möchtest du meine Gemahlin werden?"
Rosenlieschen schlug ihre Hände zusammen und freute sich sehr.
"Ja, mein Liebster."
Im Haus aber wurde Faullieschen immer wütender.
"Warte mein Schwesterherz. Ich werde Königin sein. Du hast es nicht verdient. Und ich werde es mit deiner Schönheit."
Faullieschen wartete, bis der Prinz wieder gegangen war und ihre Schwester sich an ihre restliche Arbeit machte. Sie ging durch die Hintertür aus dem Haus und lief in den Wald. Angeblich lebte eine gute Hexe in diesem Wald, welche jedem Vorbeikommenden einen einzigen Wunsch gewährte.
Faullieschen war schon einen Weile unterwegs, als sie das Haus der Hexe erblickte.
"Kind, in welcher Absicht bist du hierher gekommen?", fragte die Hexe aus dem Haus.
"Ich möchte einen Wunsch erfüllt bekommen."
"Nun denn.", sagte die Hexe und kam aus dem Haus.
"Dann wünsche dir etwas. Aber sei vorsichtig und wähle sorgfältig aus, da du nur einen einzigen Wunsch hast."
"Ja, sicher.", sagt Faullieschen und überlegte kurz.
"Ich wünsche, dass ich genauso aussehe wie meine Schwester Rosenlieschen."
Kaum hatte sie diese Worte gesagt, erstrahlte sie schon in neuer Schönheit.
"Verwende diesen Wunsch aber nur zu gutem Zwecke.", mahnte die Hexe. Daraufhin lief Faullieschen wieder nach Hause. Es war bereits dunkel und ihre Schwester schlief schon tief.
Es war noch sehr früh am Morgen, als Faullieschen aufstand und in den Stall lief. Sie nahm einen langen Strick und ein kleines Tuch. Schnell eilte sie zurück und fesselte ihre Schwester an deren Bett: Sie stopfte ihr das Tuch in den Mund und knebelte sie an Händen und Füßen. Und zum Schluss band sie ihre Schwester ganz an das Bett.
Wie immer kam der Prinz. Doch diesmal nahm er Faullieschen, welche aussah wie ihre Schwester, mit. Die Kutsche war weiß und glitzerte golden und acht prächtige Pferde zogen es. Rosenlieschen konnte das alles sehen und begann fürchterlich zu weinen, weil der Prinz mit ihrer Schwester davonfuhr.
Noch am selben Abend wurde die Hochzeit gefeiert. Rosenlieschen, sie konnte sich von den Fesseln befreien, stand am Fenster und sah hinauf zum Schloss: Bunte Lichter brannten und sie konnte deutlich erkennen, dass getanzt wurde. Da wurde sie schrecklich traurig, da ihr Liebster ihre Schwester zur Frau nahm, und lief davon. Sie lief in den Wald und hoffte, irgendwo verloren zu gehen.
Doch auch sie lief an dem Haus der Hexe vorbei. Rosenlieschen hielt sich ihre Hände vor das Gesicht, da sie so sehr weinen musste. Da stolperte sie über eine Wurzel und fiel zu Boden. Dort verharrte sie und weinte.
"Aber Kind, weine doch nicht.", sagte die Hexe mit weicher Stimme.
"Ich will sterben.", weinte Rosenlieschen.
"Aber nein, Kind, du wirst noch lange leben. Erzähl mir, was geschehen ist."
"Meine Schwester hat meinen Liebsten geheiratet."
"Ja, Liebe, die kann manchmal sehr weh tun.", beteuerte die Hexe.
"Sie hat ausgesehen wie ich und so hat sie mich in der Nacht gefesselt, und der Prinz hat sie mitgenommen."
"Wie du? Liebes Kind, sie mich an."
Rosenlieschen sah zu der Hexe auf.
"Du liebe Güte! Ich trage die Schuld an deiner Verzweiflung! Ich habe deiner Schwester einen Wunsch erfüllt. So Kind, wünsche dir etwas, damit alles wieder in Ordnung kommt."
"Ich wünsche mir, dass der Prinz auf ewig glücklich lebe."
"Aber Kind, das ist doch sehr selbstlos, überhaupt in deiner Situation. Aber gut, ich werde dir deinen Wunsch erfüllen." Damit verschwand die Hexe.
Faullieschen tanze gerade mit ihren Gemahl, als ihr plötzlich das neue Gesicht abfiel und der Prinz sehen konnte, dass er betrogen worden war.
"Wer seid ihr?", verlangte er zu wissen.
"Majestät, ich bin Faullieschen, die Schwester eurer Geliebten.", gab sie zu.
Der Prinz lief zu seiner Kutsche und ließ sich zu dem Bauernhof fahren, wo sein liebstes Rosenlieschen zu Hause war.
Als er ankam sah das Haus verlassen und traurig aus.
"Rosenlieschen, bist du da?"
"Richard... mein Liebster", rief das Mädchen und lief entzückt in die Arme des Prinzen.
Am nächsten Morgen wurde die Hochzeit des echten Paares gefeiert. Rosenlieschen verzieh ihrer Schwester und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.