Es war ein herrlicher, heißer Sommer. Eine wunderschöne Libelle flog über eine riesige Blumenwiese. Die Blumen blühten in den schönsten Farben.
Jeden Tag drehte unsere Libelle dort ihre Runden. Ein paar Kinder spielten auf der Wiese. Sie pflückten riesige Blumensträuße, lachten und waren glücklich, wie die Libelle. An den Wochenenden fuhren die Leute mit Fahrrädern den Feldweg entlang. Viele Spaziergänger kamen. Es herrschte reges Treiben.
Hier und da flogen die ersten Coladosen auf die Wiese. Dann kamen die Pommesschälchen samt Gabeln, natürlich mit Soßenresten. Hunde fraßen nebenbei die Stückchen von den Bratwürsten und sie kackten auf die Wiese. Zigarettenkippen summierten sich auf Millionenhöhe.
Im Laufe einer Woche kam immer mehr dazu. Flaschen flogen herum, die Reste von einem Picknick, später auch noch Lumpensäcke und Autoreifen. Und da, wo schon andere Sachen liegen, paßt auch noch mehr hin; so etwas wie Matratzen und sogar Möbel.
Die Kinder fingen an, sich Buden zu bauen. Eine Million Wassereispapiere lagen herum und die Wiese bekam langsam aber sicher eine Glatze. Das heißt, sie hatte überall kahle Stellen. Da, wo nämlich wegen dem ganzen Müll keine Sonne mehr hinkam und da, wo die ganzen Menschen herumgetrampelt waren, wuchs nichts mehr. Zwischen dem Müll sah man nur noch Brennesseln und Disteln. Irgendwie ein Wunder, daß die noch blühen konnten.
Die Libelle wurde sehr, sehr traurig. Es machte keinen Spaß mehr, über diese Wiese zu fliegen. Sie wurde von Tag zu Tag häßlicher. Der Müll fing an zu stinken. Es war einfach furchtbar.
Da beschloß die Libelle etwas gegen diese Sauerei zu unternehmen. Sie flog höher und höher zum Himmel hinauf. Hoch über den Wolken war sie schon und höher als die Flugzeuge fliegen. Sie kam zur Milchstraße und fuhr mit der nächsten Sternenbahn zum Himmelsschloß hinauf.
Sie wollte sich beim lieben Gott beschweren. Als sie endlich vor dem großen Tor stand und klopfte, war nur der Petrus da. Der liebe Gott und die Engel waren alle unterwegs, um den Menschen im Traum alles Mögliche einzureden. Alle Menschen machen nämlich jeden Tag so viel falsche Sachen, daß der liebe Gott gar nicht mehr überall aufpassen kann.
Also beschwerte sich die Libelle im Namen aller Insekten und Blumen von ihrer Blumenwiese über den vielen stinkenden Müll.
Der Petrus trug die Angelegenheit vom dreizehnten August unter der Nummer 1.395.679.584.713 im Beschwerdebuch ein. "Sie bekommen dann in ca. 5.000 Jahren einen Vordruck zugeschickt, den Sie uns dann umgehend ausgefüllt zurücksenden müssen. Wenn Sie das dann nicht noch am selben Tag erledigen, kann die Beschwerde nicht mehr berücksichtigt werden."
"Aber Petrus", sagte die Libelle, "bis dahin sind doch Milliarden neuer, dummer Menschen geboren worden. Die machen doch immer mehr Mist. Und bis die mal was kapieren, ist von der Wiese längst nichts mehr da." "Also gut", sagte Petrus, "für einen Tag kann ich Dir Zauberkräfte verleihen. Danach mußt Du dann die 5.000 Jahre warten."
Die Libelle flog also wieder zurück auf die Wiese und probierte ihren neuen Zauber aus. Sie zauberte, daß jeder, der irgend etwas auf die Wiese geworfen hatte, seinen und einen großen Haufen anderen Müll bei sich zu Hause in seinem Bett wiederfand.
Viele Leute wurden richtig stinkig, als sie am Abend die Bettdecke hochhoben und dort der ganze stinkende Müll lag. Es stank fast in allen Schlafzimmern der ganzen Stadt. Notgedrungen warfen sie alles in die Aschentonnen. Weil sie zum Sortieren auch zu faul waren, liefen die Aschentonnen schon über. Die Wertstoffsäcke waren es ihnen nicht Wert, die ganzen Dosen und Plastikverpackungen und die Alufolie hineinzuwerfen. Das könnte ja stinken. Der Weg zum Container war ihnen auch zu weit. Also schmissen sie das ganze Glas und Papier und die Pappe samt dem gelben Sack in die Aschentonnen. Was daneben lag, nahm die Müllabfuhr nicht mit, und weil es ihnen im Wege war, warfen sie es wieder auf die Blumenwiese. -
Und schwupp war es wieder in ihren Betten. Als der Tag rum war, war die Wiese wieder sauber und alle Blumen fingen nach einem kräftigen Regenguß, den der Petrus noch spendierte, wieder an zu blühen. Ach, was war das eine Pracht. Nur leider war um Mitternacht der Zauber vorbei.
Und schon in der Nacht ging alles wieder von vorne los. Inzwischen ist ein Jahr vergangen. Von der Wiese ist nichts mehr zu sehen. Der Müll liegt so hoch, daß man Lkws dahinter verstecken könnte. Niemand würde das bemerken.
Die Schmetterlinge sind nicht mehr da, aber Ratten, die gibt es genug. Ab und zu fliegt die Libelle noch mal vorbei, in der Hoffnung, daß die Menschen endlich Gehirne bekommen. Einmal ist sie schon bei uns im Kinderzimmer gewesen. Sie flog in unser Bett und sah sehr traurig aus. Als wir sie fangen und nach draußen setzen wollten, haben wir sie nicht mehr wieder gefunden.
Wahrscheinlich wartet sie irgendwo auf die himmlische Post. Woher soll sie auch wissen, wann die 5.000 Jahre rum sind.
Falls sie dann nicht mehr lebt, versuchen wir schon mal beim Spaziergang ein wenig Müll einzusammeln. Bis wir einen kleinen Weg sauber haben, müssen wir zwanzigmal zur Aschentonne laufen. Nach einer Stunde sieht alles aus wie früher.
Das muß doch jedem zum Himmel stinken, verdammt noch mal.