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Die kleinen roten Kinderschuhe (Hanne Krüger)

Vor langer, langer Zeit, gab es in einem kleinen Dorf einen armen Schuster, der die schönsten Schuhe der ganzen Umgebung machte. Doch niemand wollte bei ihm kaufen, so daß er und seine Frau oft nichts zu essen hatten. Dennoch blieben sie immer fromm und gut. Sie beteten jeden Abend und waren sicher, daß der liebe Gott sie schon nicht im Stich lassen würde. Und tatsächlich kamen sie immer wieder irgendwie über die Runden.

Einmal hatte der Schuster ein Paar kleine, rote Kinderschuhe gemacht. Sie waren wunderschön. Sie standen im Schaufenster. Doch niemand wollte sie kaufen. Die Leute rannten vorüber und keiner war dabei, der auch nur hinschaute. Sie ließen sich von dem Schuster ihre Schuhe reparieren, bezahlten ein paar Groschen dafür und verschwanden wieder. Nur ein kleines Mädchen kam jeden Tag her. Sie hatte nur ein dünnes Kleidchen an und war barfuß. Täglich stand sie zitternd und frierend vor dem Schaufenster, doch sie traute sich gar nicht erst hineinzugehen, um die Schuhe wenigstens einmal anprobieren zu können. Das kleine Mädchen lebte mit ihrem Großvater in einer kleinen Hütte im Wald. Sie hatten einen kleinen Gemüsegarten, aus dem sie sich ernährten. Die Tiere des Waldes waren ihre Freunde. Deshalb gab es auch niemals Fleisch zu essen. Der Großvater sammelte im Wald Pilze und Beeren sowie Reisig, um den Kamin anzuheizen. Sie schliefen auf einem Strohbett. Wenn der Großvater im Wald war, räumte das kleine Mädchen zuerst das Haus auf und lief dann ins Dorf, um vor dem Schaufenster des Schusters von den kleinen, roten Kinderschuhen zu träumen. Lange stand es jedesmal mit leuchtenden Augen davor und malte sich aus, wie man in den Schuhen tanzen könnte. Dem Großvater erzählte sie nichts davon, weil sie Angst hatte, er könnte dann traurig werden. Auch der Schuster bemerkte das kleine Mädchen nicht. Er arbeitete Tag und Nacht. Einmal im Monat zog er mit seinen selbstgemachten Schuhen, die er in einem Handkarren verstaute, in die Stadt zum Markt. Im Dorf wollte ja niemand bei ihm kaufen.

Eines Abends, als der Schuster immer noch bei der Arbeit saß, erschien ihm eine Fee. Der Schuster erschrak, als er die Fee sah und ließ dabei einen Stiefel fallen, an dem er gerade arbeitete. Die Fee sagte zu ihm: "Hab keine Angst! - Wenn Du morgen in der Frühe Deinen Laden öffnest, dann achte auf das kleine Mädchen, das vor Deinem Schaufenster steht. Es kommt täglich her." Darauf verschwand die Fee.

Am nächsten Morgen tat der Schuster, wie ihm die Fee geheißen. Er wartete fast eine Stunde, bis das kleine Mädchen kam. Hinter der Gardine beobachtete er, wie das Mädchen die kleinen, roten Kinderschuhe betrachtete. Als er sah, daß es nur ein dünnes Kleidchen trug und bei dieser Kälte barfuß lief, holte er das Mädchen ins Haus. Seine Frau brachte ein warmes Essen. Danach schlief das Mädchen ein. Die Schustersfrau trug die Kleine auf das Sofa und deckte sie behutsam zu. Sie erwachte erst am späten Abend. Noch nie hatte sie auf einem so schönen, weichen Sofa gelegen. Sie erschrak, weil es schon dunkel wurde und ihr Großvater sich bestimmt große Sorgen um sie machte. Sie bedankte sich bei den Leuten und wollte gerade gehen, als die Schustersfrau sie zurückhielt: "Warte noch einen Moment. Ich habe etwas für Dich." Sie zog der Kleinen eine warme Hose und einen dicken Rollkragenpullover an. Der Schuster holte schnell die kleinen roten Kinderschuhe und gab sie dem Mädchen.

Überglücklich lief sie nach Hause zu ihrem Großvater. Der hatte inzwischen schon den halben Wald nach ihr abgesucht und war fix und fertig. Als er sah, wie schick seine Enkelin war, freute er sich mit ihr. Sie erzählte, wie das alles gekommen war. Sie hatte sogar einen Korb mit Essen und Schuhputzzeug bekommen. Beim Abendessen sagte der Großvater, daß sie die Schuhe auch jeden Tag putzen müsse, damit sie lange halten und das Leder nicht brüchig würde. Also rieb die Kleine ihre wunderschönen Schuhe noch mit Schuhcreme ein. Sie konnte vor Freude die ganze Nacht nicht schlafen. Der Großvater schnarchte vor sich hin und sie tanzte im Takt mit den Schuhen herum.

Am anderen Morgen ging der Großvater wieder in den Wald. Er hatte ihr das Frühstück auf den Tisch gestellt. Sie aß und räumte etwas auf. Danach holte sie die Bürste und wollte die Schuhe blankputzen. Doch bei jedem Bürstenstrich fiel ein rundes, glitzerndes Stück Metall daher. Sie wußte nicht, was es war und faltete alle Metallstücke in ein Taschentuch. Als die Schuhe blank waren, hatte sie 100 glitzernde Metallstücke in ihrem Taschentuch. Sie hielt sie gegen das Licht und ließ sie blitzen und blinken. Dann band sie das Tuch zusammen und legte das Bündel unter ihr Strohbett. Von Tag zu Tag wurden die blinkenden Stückchen mehr, denn bei jedem Bürstenstrich, den sie an ihren kleinen, roten Kinderschuhen machte, fiel eins heraus. Wenn sie alleine im Haus war, spielte sie damit.

Der Schuster freute sich, daß die Fee ihn auf das kleine Mädchen aufmerksam gemacht hatte. Endlich waren die Schuhe, die ihm so gut gelungen waren, in den richtigen Händen bzw. an den richtigen Füßen. In die Stadt hatte er die Schuhe nämlich nicht mitgenommen, weil sie ihm zu schade zum Verkaufen waren. Die Leute wühlten doch meistens in den Schuhen herum und verkratzten dabei das Leder. "Dieses kleine Mädchen hat sich wenigstens richtig gefreut", dachte er bei sich.

Er ging wieder an seine Arbeit und war guter Dinge. Doch seit diesem Tage wurde plötzlich alles ganz anders. Die Leute aus dem Dorf kauften endlich seine Schuhe. Er hatte am Abend so viel Geld in der Kasse, wie sonst in drei Monaten. Er konnte das Glück kaum fassen. Sie dankten Gott, daß sie so einen guten Tag hatten. An den darauffolgenden Tagen ging das Glück weiter. Es blieb so in den nächsten Wochen und Monaten. Sie mußten noch eine Maschine kaufen, um die vielen Vorbestellungen fertig zu bekommen. Später stellten sie noch einen Lehrling ein. Sie brauchten inzwischen schon einen Pferdewagen, wenn sie in die Stadt zum Markt fuhren. Sie hatten plötzlich keine Sorgen mehr.

Das kleine Mädchen lebte in dieser Zeit wie immer. Es war fröhlich und guter Dinge. Sie lief oft wieder barfuß, um ihre kostbaren Schuhe zu schonen. Inzwischen war es auch Frühling geworden und die Sonne schien wieder etwas wärmer. Wenn nichts anderes zu tun war, spielte das Mädchen mit den glitzernden Metallstückchen. Eines Abends fiel so ein Metallstückchen auf den Boden und der Großvater hob es auf: "Das ist ja Gold!", rief er. Das kleine Mädchen wußte nicht, was Gold ist. Der Großvater erklärte ihr, daß es sehr wertvoll ist und man damit einkaufen kann. Da holte das Mädchen die anderen Goldstücke hervor. Sie paßten längst nicht mehr in das Taschentuch. Es war ein großer Haufen. Der Großvater begriff die Welt nicht mehr. Das Mädchen zeigte ihm nun, wie man beim Schuheputzen reich wird. Als der sich wieder beruhigt hatte, sagte er: "Jetzt können wir zu meinem Bruder in die Stadt fahren. Der ist dort ein reicher Kaufmann. Er besitzt viele Häuser. Sicherlich kann er uns für das Gold ein Haus verkaufen. Dann haben wir es im nächsten Winter bequemer. Du kannst dort sogar in die Schule gehen." Am nächsten Morgen packten sie das Gold unten in einen Handkarren, legten ihre Habseligkeiten darüber, nahmen noch etwas zu Essen mit und gingen in die Stadt. Schon bald hatten sie den Bruder des Großvaters gefunden. Er wohnte in einer prächtigen Villa mitten in einem wunderschönen Park und war noch reicher, als sie dachten. Die halbe Stadt gehörte ihm und er hatte mehrere Geschäfte. Der Großvater ahnte jedoch nicht, wie geizig sein Bruder war und daß er die Leute betrog wo er nur konnte. Er begrüßte ihn freundlich und stellte ihm seine Enkelin vor. Doch sein Bruder war gar nicht davon begeistert. Er schämte sich, daß die Leute ihn mit so armen, zerlumpten Verwandten sehen könnten. Doch als der Großvater ihm das viele Gold zeigte, bekam er Stielaugen. Ein Haus wollte er ihnen gerne dafür verkaufen: "Natürlich reicht es nicht für etwas Großes, doch ich wüßte da ein Haus für Euch." Sofort hatte er nämlich bemerkt, daß der Großvater vom wahren Wert des Goldes keine Ahnung hatte. Normalerweise hätte man dafür eine Villa bekommen, die doppelt so groß war, wie seine eigene. Statt dessen führte er die beiden zu einem alten Backsteinhaus, in dem seit Jahren niemand mehr wohnen wollte. Die Fenster waren alle kaputt und auch der Kamin war nicht mehr in Ordnung. Doch er nahm den beiden das ganze Gold dafür ab, rieb sich die Hände und ging schnell wieder nach Hause. Dort lachte er sich noch den ganzen Tag krank über soviel Dummheit.

Die beiden jedoch waren glücklich und zufrieden. Um noch ein paar Sachen einkaufen zu können, putzte das Mädchen die kleinen, roten Kinderschuhe. Diesmal kamen viel mehr Goldstücke heraus, als sonst. Also konnte der Großvater noch Werkzeug und Material kaufen, um das Haus ein wenig reparieren zu können. Bis zum Abend hatte er fast alle Fenster fertig. In den nächsten Wochen werkelte er fleißig weiter. Sie konnten sich schon bald ein paar Möbelstücke kaufen. Als der Sommer kam, hatten sie alles fertig. Sie schliefen jetzt auch in schönen weichen Betten, hatten immer genug zu essen und zur Schule ging das Mädchen auch. Im Garten wuchsen wunderschöne Blumen, denn sie konnten ja im Lebensmittelgeschäft ihr Essen kaufen. Trotzdem hatten sie noch ein kleines Gemüsebeet. Sie kauften sich schicke Sachen zum Anziehen. Wenn einmal im Monat Markt war, besuchten sie auch den Schuster und kauften ihre Schuhe bei ihm. Denn die kleinen, roten Kinderschuhe paßten mit der Zeit nicht mehr. Der Bruder des Großvaters wunderte sich, wie die beiden so gut leben konnten. Schließlich hatte er ihnen doch das ganze Gold abgenommen. Weil ihm die Neugierde und die Geldgier keine Ruhe gaben, schlich er eines Abends zu dem Backsteinhaus. Durch das Fenster beobachtete er, wie das Mädchen die kleinen, roten Kinderschuhe putzte. Als er sah, daß Goldstücke herausfielen, bekam er gleich wieder Stielaugen. "Ich muß diese Schuhe unbedingt haben. Dann bin ich noch reicher und werde bald der König sein." Also beschloß er, die Schuhe zu stehlen.

Scheinheilig besuchte er die beiden, die ihn freudestrahlend begrüßten und ihm ein leckeres Abendessen servierten. Kaum, daß sie ihm einmal den Rücken zugedreht hatten, nahm er heimlich die kleinen, roten Kinderschuhe mit.

Er rannte damit nach Hause und putzte ununterbrochen Tag und Nacht, eine Woche lang. Doch es fiel kein einziges Goldstück heraus. "Na, ja", dachte er, "vielleicht liegt es an der Bürste." Also ging er noch einmal zum Haus des Großvaters. Die beiden waren sehr bescheiden und hatten noch gar nicht bemerkt, daß die Schuhe nicht mehr da waren. So konnte er auch noch die Bürste stehlen. Wieder putzte er wie ein Wilder. Er bürstete zwei Wochen Tag und Nacht, bis ihm die Arme so weh taten, daß er nicht mehr konnte. Doch Gold bekam er nicht heraus. Stinksauer war er, nahm die Schuhe samt der Bürste, rannte zum Haus des Großvaters und warf sie durch das Fenster in die Küche. Beinahe wären sie in der Suppe gelandet. Das Mädchen wunderte sich, hängte die Schuhe aber wieder über ihr Bett.

Als der Bruder des Großvaters nach Hause kam, traute er seinen Augen nicht. Seine wunderschöne Villa war ganz alt geworden. Ja, sie war halb zerfallen, An den zerbrochenen Fenstern hatten Spinnen ihre Netze gewebt, der Schornstein war abgebrochen und in den Kamin gefallen. Seine Möbel waren voller Holzwürmer und seine kostbaren Gewänder lagen von Motten zerfressen auf dem Fußboden herum. Sein Tafelsilber war zu Draht geworden. Sein goldenes Geschirr hatte sich in zerbeulte Blechnäpfe verwandelt. Der Park glich einer Wüste aus Dornengestrüpp. Die herrlichen Tulpenbäume und die Japanischen Kirschbäume sahen aus wie vom Blitz getroffen. Er rannte überall herum und jammerte. Am Abend hockte er sich neben seinem umgefallenen Zaun. Er konnte das alles nicht begreifen.

In der Nacht saß er wie ein Häufchen Elend immer noch dort. Da erschien ihm die Fee. Sie sprach: "Ich habe die Schuhe so verzaubert, daß sie keinem Dieb Reichtum verschaffen können, sondern ihn mit jedem Bürstenstrich ärmer machen. Du hast sogar Deinen eigenen Bruder betrogen, in dem Du ihm für viel Gold ein wertloses Haus verkauftest. Darum soll Dein Haus jetzt für immer häßlich bleiben. Du wirst arbeiten gehen müssen, um nicht zu verhungern. Dein Bruder jedoch wurde mit jedem Bürstenstrich reicher. Er soll nun König sein und das Land regieren. Denn er ist gutherzig und wird nicht nur an sich denken." Damit war die Fee wieder verschwunden. Über Nacht wurde aus dem Backsteinhaus des Großvaters und seiner Enkelin ein riesiger, prächtiger Palast. Nun war er König und seine Enkelin eine Prinzessin. Sie hatten viele Diener und regierten das Land wirklich so gut, daß alle Leute genug zum Leben hatten. Jedermann im ganzen Land war glücklich und zufrieden. Als der Großvater älter geworden war, heiratete die Prinzessin den Prinzen des Nachbarlandes, mit dem sie sich schon seit vielen Jahren gut verstanden hatte. Er wurde dann König und sie die Königin, damit der Großvater sich zur Ruhe setzen konnte.

Der Bruder des Großvaters wurde natürlich auch älter und die Arbeit fiel ihm schwer. Deshalb machte er sich auf den Weg, um seinen Sohn zu suchen, den er vor vielen Jahren aus dem Haus geworfen hatte. Als er ihn nach langer Suche fand, bat er ihn um Verzeihung. Sein Sohn war inzwischen verheiratet und lebte mit seiner Frau und fünf Kindern in einer viel zu kleinen Wohnung. Sie waren nette Leute und luden den Vater gleich zum Essen ein. Als sie hörten, was in der Zwischenzeit passiert war, ließen sie alles stehen und liegen und machten sie sich auf den Weg zum Schloß. Sie gingen durch den riesigen Schloßgarten und wurden am Schloßtor von einem Diener empfangen, der sie auch gleich zur Königin und dem Großvater führte. Die hatten immer noch ein gutes Herz und gaben ihnen zu Ehren sogar ein Fest. Der Bruder des Großvaters schämte sich für sein schlechtes Benehmen und entschuldigte sich. Doch der Großvater meinte, er hätte in den letzten Jahren genug Strafe bekommen. Also gab er ihnen ein schönes Haus im Schloßpark und hohe Posten dazu. So lebten sie noch viele Jahre glücklich und zufrieden miteinander. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© Hanne Krüger

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