Jens kaufte sich von seinem Taschengeld auf dem Trödel eine ganze Kiste mit Kleinkram, für drei Mark. Zuhause saß er dann in seinem Zimmer auf dem Boden und spielte mit den Sachen. Autos waren dabei und jede Menge Gummitiere und Comicfiguren, zwei Pfennige sogar, ein Kompaß, krumme Nägel, Schrauben, drei Wäscheklammern, Bindfaden, Wolle, alte Schlüssel, ein kleiner Spiegel und, und, und. Dann entdeckte er einen silbernen Fingerhut. Er steckte ihn auf seinen rechten Zeigefinger, als es klingelte.
Sein Freund Ricky war gekommen: "Willst Du mit mir fahrradfahren?" - Jens fuhr mit Ricky in die Stadt. Vor einem Spielzeugladen parkten sie ihre Fahrräder. Es gab so viel zu sehen. Dauernd zeigte Jens auf irgendwelche Sachen: "Das möchte ich gerne haben! - Und da! - Und das!" Erst als das Geschäft schloß, fuhren sie nach Hause. Als Jens sein Kinderzimmer betrat, traute er seinen Augen nicht. - Fast alle Sachen, die er sich im Laden ausgesucht hatte, lagen auf dem Fußboden. - Komisch, wie war das möglich? - "Essen", rief die Mutter, ausgerechnet jetzt. - Jens nagte an seinem Butterbrot herum, weil er immer an die vielen Sachen denken mußte. "Träum nicht!", sagte die Mutter. Schnell würgte er das letzte Stück Brot runter, trank seine Milch und sagte: "Gute Nacht!" Seine Mutter wunderte sich. Freiwillig geht er doch sonst nicht ins Bett.
Schlafen konnte er natürlich nicht. Er mußte nachdenken. - Nach einer Weile glaubte er die Lösung gefunden zu haben. - Alles, was er mit dem Fingerhut berührt hatte, lag in seinem Zimmer. Wenn doch nur die Nacht schneller rumgehen würde. Er mußte das unbedingt noch einmal genau ausprobieren. Endlich war es Morgen. Nach dem Frühstück sauste er gleich mit dem Fahrrad los. (Gut, daß Ferien waren). Unterwegs sprang wieder mal die Kette ab. Deshalb steuerte er den nächsten Fahrradladen an und tippte dort auf das teuerste Fahrrad, das sie hatten. Es bewegte sich nicht von der Stelle. Beim Rausgehen drehte er sich immer wieder um. - Nichts passierte. Von draußen sah er noch durch das Schaufenster. Jedoch das Fahrrad stand immer noch auf seinem Platz. Er fuhr also mit dem alten Fahrrad nach Hause. Sofort rannte er rauf in sein Zimmer. - Da stand das neue Fahrrad. - Unglaublich! Er schob es die Treppen hinunter nach draußen und fuhr gleich wieder los. Wieder fuhr er zu dem Fahrradgeschäft. Dort schaute er wieder durch das Schaufenster. Das Fahrrad stand immer noch an seinem Platz. Also war jetzt klar: Die Sachen verdoppeln sich. Er ging abermals in den Laden, um die Rahmennummer zu vergleichen. Tatsächlich war es genau dieselbe.
Den ganzen Tag fuhr er jetzt in der Stadt herum und suchte sich Sachen aus; Spielzeug, Bücher, Spielzeugkisten und auch Kleidung. Er tippte die Fußballschuhe an, von denen er schon so lange träumte und einen neuen Füller, weil er den alten wieder einmal verloren hatte. - Abends war sein Zimmer so voll wie nie. Sogar neue Möbel waren drin. Doch jetzt standen die alten im Weg. - Als seine Mutter das Zimmer betrat, wäre sie fast in Ohnmacht gefallen. Als er von dem Fingerhut erzählte, hielt sie die Geschichte natürlich für Spinnerei und dachte Jens hätte gestohlen. - Nur, wie er alleine die schweren Möbel nach oben geschleppt haben sollte, war ihr ein Rätsel. Am nächsten Tag ging sie selbst mit dem Fingerhut los. Zuerst versuchte sie es mit kleinen Teilen für die Küche: Toaster, Kaffeemaschine, Eierkocher, Waffeleisen und eine neue Flurgarderobe. Nach zwei Stunden schaute sie zu Hause nach. Tatsächlich waren alle Sachen in der Küche. Also ging sie noch einmal los. Sie war den ganzen Nachmittag unterwegs und hatte anschließend den halben Supermarkt in der Küche. So viel Eingekauftes mußte sie noch nie wegräumen.
Als der Vater von der Arbeit kam, erzählten sie ihm von dem Zauberfingerhut. Es dauerte eine Weile, bis sie ihn endlich von der Wahrheit überzeugt hatten. Danach fingen sie an, alle alten, kaputten Sachen auszurangieren, damit im Haus genug Platz für neue sein sollte. Sie hatten einen riesigen Berg Sperrmüll vor die Tür gepackt, wo schon viele Leute nach Brauchbarem suchten. Viel war am nächsten Tag nicht mehr davon übrig. Sie hatten ja auch Sachen aussortiert, die ihnen einfach nicht mehr gefielen. Es gab ja wieder neue und bessere Sachen.
Die ganze Familie fuhr jetzt in die Stadt. Sie erfüllten sich sämtliche Wünsche. Abends stellten sie fest, daß die Sachen sogar dort standen, wo sie sie sich hingewünscht hatten. Nach drei Wochen war das Haus perfekt eingerichtet. Alle Schränke waren rappelvoll.
Der Garten quoll über von Blumen und Bäumen, sogar ein riesiges Gartenhaus war drin und noch ein großer Geräteschuppen mit Inhalt. Die Gefriertruhe im Keller war bis oben hin voll. Ein Partyraum war komplett eingerichtet. Sogar eine Sauna und ein ganzes Allwetter-Spaßbad hatten sie im Keller. Am Wohnzimmer war noch ein Wintergarten und auch die Terrasse war vom Feinsten. Neue protzige Gartenmöbel standen in Mengen herum. Als nächstes kamen dann noch ein Zierbrunnen, ein Seerosenteich mit Fischen und Fröschen, Laternen und eine Statur, ein Springbrunnen mit Licht- und Wasserorgel, eine Hundehütte mit Hund, Katzen, ein Pony usw.
Wenn man schon alles hat, braucht man bekanntlich immer mehr. So wurde das Haus um fünf Etagen erhöht, mit Penthouse und Dachterrasse, mehrere Balkone, noch fünf Garagen, drei Autos, einen Bus und einen Wohnwagen. Dann hatten sie keine Zeit mehr zum Kochen und zauberten sich die Menüs aus den Prospekten ins Haus, denn mit dem Fingerhut ging auch das. Selbst wenn man sich im Katalog ein Kleid antippte, hatte man es sofort in der passenden Größe im Schrank hängen. Selbst die Bilder im Kochbuch brauchte man nur anzutippen und schon stand das tollste Essen auf dem Tisch.
Inzwischen interessierten sich nicht nur Nachbarn, Freunde und Verwandte für den plötzlichen Reichtum, sondern auch die Polizei. Sie hatten nämlich inzwischen auch Geld verdoppelt und die Nummern der Scheine waren jeweils bis zu hundertmal im Umlauf, so daß man sie wegen Geldfälscherei anklagen wollte. Rechnungen für die vielen Sachen konnten sie auch nicht vorzeigen. Weil der Vater auch nicht mehr arbeiten ging, sondern lieber mit seiner Segelyacht unterwegs war, machte ihn das noch verdächtiger. Die ganze Familie wurde inzwischen beschattet. Beim Klauen oder Geldfälschen wurden sie jedoch nicht erwischt. Das Haus wurde voller und voller und höher und höher, was natürlich auch das Bauordnungsamt sehr interessierte. Polizist Heinrich Gitter sagte zum Polizeipräsidenten: "Wie kann ein Haus wachsen?" Die internationale Presse, Funk und Fernsehen waren alle vor Ort. Nachdem sie eine siebenmeterhohe Mauer mit elektrischem Stacheldrahtzaun und einem eisernen Tor mit Videoüberwachung angeschafft hatten, ging die Familie nicht mehr aus dem Haus. Sie ließen die Klamotten jetzt nur noch per Katalog oder Computer kommen. Vaters Segelyacht wurde geklaut. Das war nicht weiter schlimm. Weil das ganze Grundstück umstellt war, konnten sie sowieso nicht mehr damit fahren. Inzwischen wurde es immer lauter vor dem Haus. Jens Schule machte Ärger, weil er schon seit einem halben Jahr nicht mehr dort war. Die Polizei wollte ihn jetzt abholen und zur Schule bringen. Sie waren völlig verzweifelt. Einfach herauszugehen, trauten sie sich jedoch nicht. Wahrscheinlich wären sie sofort verhaftet worden.
Dann machten sie einen Versuch. Alle Drei faßten den Fingerhut gleichzeitig an und tippten im Atlas auf eine einsame Insel und wünschten sich dorthin. - Prompt waren sie auch da. Nur leider hatten sie kein Foto von ihrem Haus, keinen Stadtplan von ihrer Stadt, keine Kataloge, kein Werkzeug und nichts zu essen. Im Schlafzeug standen sie da, in der heißen Sonne. Sie verdoppelten sich einige Palmen, um wenigstens etwas Schatten zu haben. Sie aßen das Obst, das auf der Insel wuchs und warteten auf ein Schiff, das vielleicht ein paar Kataloge dabei hätte.
Doch es kam kein Schiff, jahrelang nicht, vielleicht auch nie. Wahrscheinlich warten sie immer noch am einsamen Strand. Ihr Haus in Deutschland wurde inzwischen aufgebrochen. Alle Sachen wurden geklaut. Weil die Stadt es nicht ganz verkommen lassen wollte, hat man ein Altersheim daraus gemacht. Ein Zuhause hätten sie also jetzt sowieso nicht mehr. Doch wenn sie den Fingerhut ins Meer schmeißen vor Wut, dann wird alles so wie früher sein. - Vielleicht kommen sie noch drauf.