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Das Zauberhaus (Gilbert und Hanne Krüger)

Es war einmal ein Haus. In diesem Haus wohnte eine Familie mit siebzehn Kindern. Eigentlich war es ein ganz normales Haus. Doch eines Tages starb die Mutter. Der Vater war fix und fertig. Er hatte keine Ahnung, wie es nun weitergehen sollte. Er mußte ja den ganzen Tag lang arbeiten und die Mutter hatte sonst den Haushalt versorgt. Nun stand er alleine da. Weinend schlief er abends ein.

Plötzlich erschien ihm die Mutter als Geist. Sie sprach zu ihm: "Du brauchst keine Angst zu haben. Seit ich tot bin, habe ich keine Schmerzen mehr und kann Euch als Geist viel nützlicher sein. Du wirst schon sehen. Also weine nicht mehr." Dann verschwand sie.

Schon am nächsten Morgen wunderten sich alle. Die Küche war blitzblank und sauber. Sogar das Frühstück stand auf dem Tisch und die Schulbrote waren fein säuberlich verpackt bereitgelegt. Vergnügt setzte sich die ganze Familie an den Tisch. Sie aßen und unterhielten sich aufgeregt, wie so ein Wunder möglich sei. Der Vater erzählte ihnen, was ihm in der Nacht passiert war. Da freuten sich die Kinder, daß die Mutter eigentlich noch da war. Weil sie sich so lange unterhalten hatten, wurde die Zeit knapp. Sie ließen alles stehen und liegen, zogen sich schnell an, nahmen die Schulbrote und sausten aus dem Haus.

Mittags, als die Kinder aus der Schule kamen, war die Küche schon wieder fix und fertig, und das Mittagessen stand auf dem Tisch. Sie aßen und waren alle vergnügt. Sie erledigten ihre Hausaufgaben und stellten dabei fest, daß auch alle anderen Zimmer aufgeräumt und sauber waren. Als die Mutter noch lebte, hatte sie oft die viele Arbeit gar nicht geschafft. Doch als Geist war sie viel schneller, weil sie sogar durch Wände gehen konnte und nicht mehr die ganzen Treppen rauf- und runterrennen mußte. Als der Vater abends von der Arbeit kam, stand das Abendessen auf dem Tisch. Es schmeckte ihm so gut wie nie. Er sah sich noch die Nachrichten im Fernsehen an. Danach gingen alle schlafen.

So ging das dann jeden Tag weiter. Die ganze Familie konnte sorglos leben. Es war alles sauber und ordentlich. Das Essen war immer pünktlich fertig, obwohl nie jemand einkaufen gehen mußte. So konnten sie das ganze Geld, was sie sonst für Lebensmittel ausgegeben hatten, sparen.

Eines Tages wollten fünf der Kinder das Haus einmal richtig erkunden. Sie teilten sich auf. Eins ging in den Keller, eins auf den Dachboden, und die anderen drei gingen je in eine Etage. Auf dem Dachboden fühlte das eine Kind die Regale durch.

Plötzlich drehte sich ein Regal und das Kind fiel in den Keller. Unverletzt kam es dort an und flog sofort wieder nach oben. Es rannte runter zu den anderen dreien. Gemeinsam gingen sie in den Keller und suchten dort das fünfte Kind. Sie suchten und suchten, öffneten alle möglichen Kisten und Truhen, ohne es zu finden. Verzweifelt setzten sie sich auf eine Kiste, die sie vergessen hatten zu durchsuchen.

Das eine Kind erzählte von dem seltsamen Regal auf dem Dachboden. Plötzlich ging die Kiste auf. Die vier Kinder schwebten darüber und das fünfte Kind stieg aus der Kiste. Es erzählte, daß es ihm ähnlich ergangen sei. Es hatte in den Kisten und Truhen herumgestöbert und war irgendwie in diese Kiste gefallen. Der Deckel ging zu und ließ sich von innen nicht mehr öffnen. Erst als die anderen vier oben draufsaßen, ging der Deckel wieder auf. Nun gingen alle fünf auf den Dachboden. Der eine zeigte das Regal, welches sich drehen ließ. Diesmal blieben sie einige Schritte zurück, damit sie nicht alle im Keller landeten. Sie entdeckten hinter dem Regal noch ein anderes Regal, das sich auch drehen ließ und dabei den Schacht zum Keller schloß. Vorsichtig überprüften sie, ob der Boden auch hielt. Danach gingen alle durch den neuen Eingang, der sich vor ihnen aufgetan hatte.

So landeten sie im Arbeitszimmer des ältesten Bruders. Dort mußten sie durch die Rückwand des Kleiderschrankes klettern. Der älteste Bruder saß gerade am Computer und wunderte sich, daß fünf seiner Geschwister aus seinem Kleiderschrank kamen. Aufgeregt erzählten sie ihm von den seltsamen Dingen auf dem Dachboden und im Keller. Natürlich wollte der älteste Bruder sich das alles ansehen. Sie ließen sich alle durch das Regal vom Dachboden in den Keller fallen.

Diesmal flog keiner nach oben. Sie landeten unverletzt auf der Kiste, in der der eine Bruder vorübergehend eingesperrt war. Also schauten sie dort noch einmal nach und fanden dabei eine Diskette. Schnell stellten sich alle sechs auf die Kiste und schwebten nach oben auf den Dachboden, gingen durch die Drehregale und landeten wieder im Arbeitszimmer des ältesten Bruders. Gespannt startete der die Diskette. Auf dem Bildschirm erschien das Haus von den Großeltern. Unten stand: "Linke Maustaste drücken". Das taten sie auch.

Der Bildschirm wurde schwarz und es stand geschrieben: "Diese Diskette löst sich automatisch auf". Und schon war sie verschwunden. Keiner konnte begreifen, was das sollte. Doch plötzlich gab es einen furchtbaren Ruck. Sie dachten schon an ein Erdbeben. Sie purzelten alle übereinander. Dann war alles wieder ruhig. Sie liefen nun durch das ganze Haus, um zu sehen, was passiert war.

Unten im Treppenhaus standen sie plötzlich Oma und Opa gegenüber. "Was war das gerade für ein komischer Ruck?", fragte der älteste Bruder. Oma und Opa erzählten ganz aufgeregt, daß sie vor fünf Minuten noch bei sich zu Hause waren, eigentlich gerade einkaufen gehen wollten und keine Ahnung hatten, wie sie hierhergekommen waren. Sie entdeckten eine weitere Tür im Treppenhaus. Oma stellte fest, daß es sich um ihre eigene Wohnungstür handelte. Sie schloß sie mit ihrem Schlüssel auf und fand ihre Wohnung in diesem Hause wieder. Sie war einfach mit dem Haus zusammengewachsen.

Die Kinder waren hellauf begeistert. Jetzt seid Ihr immer hier und braucht nicht mehr zu Besuch zu kommen. Sie aßen gemeinsam zu Abend und die Kinder gingen beruhigt schlafen.

Der Vater bereitete mit seinen Schwiegereltern die Geburtstagsfeier des ältesten Sohnes vor. Sie schmückten das Wohnzimmer mit Girlanden. Als Oma in der Küche Kuchen backen und das Essen zubereiten wollte, hatte der Geist der Mutter schon wieder alles fertig. Am nächsten Tag wurde das Geburtstagskind als letztes wach.

Da Sonntag war, brauchte keiner aus dem Haus. Also konnten sie alle zusammen frühstücken. Sie gratulierten zum achtzehnten Geburtstag und sagten ihm, daß sein Geschenk draußen auf der Straße steht. Er lief sofort zur Tür und sah ein nagelneues Auto mit einer riesigen Schleife drum vor der Tür parken.

Der Vater fuhr mit ihm im neuen Auto los, um den Führerschein abzuholen. Zurück durfte das Geburtstagskind selbst fahren. Nach dem Mittagessen machten sie erst einmal ein paar Spritztouren. Mit Papa, Opa, Oma und sechzehn Geschwistern paßt man schließlich nicht in ein normales Auto. Anschließend kam noch Besuch zum Kaffeeklatsch. Erst spät in der Nacht kehrte im Hause wieder Ruhe ein.

Weil der älteste Sohn ja nun erwachsen war, wurde ihm das Kinderzimmer zu klein. Er wollte sich eine eigene Wohnung suchen. Wochenlang rief er überall an. Doch immer waren die Wohnungen schon anderweitig vergeben. Als er eines Morgens aufwachte, war er plötzlich nicht mehr in seinem Kinderzimmer, sondern in einer schönen, neuen, geräumigen Wohnung. Verwundert lief er darin umher. Als er durch die Eingangstür ging, stellte er fest, daß er immer noch in dem Haus war. Das Haus war über Nacht einfach gewachsen.

Nach und nach wurden alle Kinder erwachsen. Das Haus wurde immer größer und für jeden war eine eigene Wohnung vorhanden. Inzwischen wunderten sie sich schon gar nicht mehr darüber. Alles war immer in bester Ordnung und immer war genug zu Essen da. Selbst als jedes Kind verheiratet war und selbst Kinder hatte, wuchs das Haus jedesmal mit, so daß auch jedes Kind ein eigenes Zimmer hatte.

So lebten sie noch lange glücklich und zufrieden miteinander. Und wenn die Familie nicht inzwischen ausgestorben ist, so nimmt das riesige Haus wohl inzwischen die ganze Stadt ein.

Diese Geschichte habe ich erfunden, als an meinem 9. Geburtstag meine Patentante an Krebs gestorben ist. Sie hat selbst zwei Kinder hinterlassen. Wir sind alle noch immer sehr traurig darüber und hoffen, daß sie irgendwie zu uns zurückkehrt. Die Geschichte soll ein Trost für ihre Familie sein und in meinen Träumen ist meine Patentante noch da, vielleicht sogar als mein Schutzengel.

© Gilbert und Hanne Krüger

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