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Der Schatten (Roland Roosen)

An einem Waldrand stand ein Baum. Und wie alles auf der Welt hatte dieser Baum auch einen Schatten. Wenn die Sonne scheint, kann man den Schatten besonders gut sehen.

Nachts schlief der Schatten im Mondlicht. Aber morgens wenn die Sonne aufging, erwachte er und freute sich auf den Tag. Das war sehr spannend, denn er war morgens sehr lang, mittags ziemlich kurz und abends, bevor er schlafen ging, wieder sehr lang. Es gab aber noch viel Aufregenderes:

Im Frühling veränderte er sich schell: die Blätter wurden größer und dann erschienen die Schatten von Blüten auf dem Boden.

Im Sommer wurden die Blüten zu großen runden Kugeln, denn es war ein Apfelbaum, aber das wusste der Schatten nicht.

Im Herbst konnte der Schatten es kaum abwarten. Und er dachte: "Gleich passiert's, gleich passiert's, dann fliegt ein kleines Stück von mir in die große weite Welt, und dann immer mehr." Denn der Baum verlor seine Blätter.

Und im Winter, das wusste er, wurden die dünnen Schatten der Äste auf einmal viel dicker und sahen aus, als wären sie in Watte verpackt. Das war natürlich der Schnee, der auf den Ästen lag.

So lebte der Schatten tagaus, tagein viele Jahre und war sehr zufrieden.

Eines Tages geschah etwas Neues in seinem Leben. Der Schatten eines Menschen kam immer näher, setze sich unter den Baum und ging dann weiter. Da wurde der Schatten sehr nachdenklich und wünschte sich so sehr, auch einmal weggehen zu können und die große weite Welt kennen zu lernen.

Und weil er so traurig war, kam die Waldfee zu Ihm und sagte: "Lieber Schatten des Apfelbaums, warum bist du so traurig?" Er sagte: "Ich möchte auch einmal weggehen können und die Welt kennen lernen."

Da sagte die Waldfee: "Wenn das dein größter Wunsch ist, dann sollst du der Schatten dieses Menschen sein. Aber denke daran, du kannst nur 3 Mal aussuchen, welcher Schatten du sein willst. Beim dritten Wunsch wirst du für immer der gewünschte Schatten bleiben." "Willst du als ersten Wunsch mit dem Menschen gehen?"
Er zögerte nicht lange und sagte: "Ja, das will ich, ich möchte weggehen." Und so geschah es.

Er ging also als Schatten des Menschen an dem Wald vorbei, über eine lange Strasse und kam schließlich in eine große Stadt. Hier gab es allerhand zu sehen und er freute sich, dass er mitgegangen war. Nach einiger Zeit machte ihm das aber keinen Spaß mehr, weil er so selten schlafen konnte. Denn in der Stadt gab es immer helles Licht und der Mond war fast nie zu sehen.

Irgendwann sah er ein Hochhaus, es war das aller größte der Stadt und auch der Mond schien darauf. Er dachte sich: "Wenn ich doch der Schatten von diesem großen Haus sein könnte, das wäre schön." Da erinnerte er sich an seine drei Wünsche. Und er sagte: "Waldfee, Waldfee…, mein zweiter Wunsch ist, dass ich der Schatten dieses Hauses sein möchte." Und so geschah es.

Von nun an war er der größte Schatten in der Stadt und er war sehr stolz darauf. Aber nach langer Zeit dachte er sich: "Es ist doch irgendwie langweilig. Ich bin zwar der größte hier, aber ich bin immer nur viereckig und es verändert sich nichts."
Da wünschte er sich, einer der schnellen Schatten der Autos unten auf der Strasse zu sein. Dann könnte er sehr schnell überall hinkommen.

Aber dann dachte er: "Ich habe nur noch einen Wunsch frei, ich muss gut überlegen, welcher Schatten ich sein will."
Da musste er wieder an den Apfelbaum denken und wie schön es dort war. Da war eigentlich immer was los. Der Wind, der die Zweige bewegte, die vier Jahreszeiten mit dem Wachsen der Blätter und den Blüten im Frühling, den Äpfeln im Sommer, den Blättern die im Herbst wegfliegen können, die schneebedeckten Äste im Winter und dann waren da noch die Bienen und Vögel, die zu Besuch kamen.
Da wusste er plötzlich, was er wollte und rief ganz laut: "Waldfee, Waldfee, ich wünsche mir sooo sehr, wieder der Schatten des Apfelbaumes zu sein!"
Er hatte es kaum ausgesprochen, da war er wieder bei seinem Apfelbaum. Er war so glücklich, dass der Apfelbaum es merkte und nur für Ihn noch größer und schöner wurde.

Seitdem ist jeder Schatten auf der ganzen Welt sehr gerne genau da, wo er gerade ist.

© Roland Roosen

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